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Pädagogische Biographiearbeit oder biographieorientierte pädagogische Arbeit?
Ausgangspunkt unseres Konzepts eine grundlegende Dimension der Organisation des Alltags und die Kompetenz der Individuen, ihr Leben zu reflektieren und zu gestalten. Die widersprüchlichen Lebensbedingungen in modernen Gesellschaften haben die Freiräume für eine individuelle Lebensgestaltung erhöht, zugleich sind damit aber auch neue Zwänge verbunden. Die Individuen sind, mehr als noch vor wenigen Generationen, gefordert, ihr Leben - in mehr oder weniger eng gesteckten Grenzen - ‚selbst in die Hand zu nehmen'. Sie sind gezwungen, haben aber auch die Möglichkeit, ihre Lebens- und Arbeitssituation zu gestalten, sich sozial zu vernetzen und über wechselnde Lebenssituationen hinweg ihre Identität individuell und kollektiv zu entwerfen und immer wieder neu zu überprüfen. In diesem Prozess entstehen Konstruktionen des Selbst, die im Zweifelsfall immer wieder neu zur Disposition stehen und "hergestellt" werden. Damit sind biographische Lern- und Bildungsprozesse verbunden, die - in wechselnden Lebenssituationen und sozialen Kontexten des Alltags - reflektiert und eigenverantwortlich re-konstruiert werden können. Die komplexe Leistung der Selbst-Konstruktion, die von Subjekten in unterschiedlichen sozialen Kontexten ihres Alltags erbracht wird, nennen wir biographische Arbeit.
Professionelles pädagogisches Handeln kann als Unterstützung dieser alltäglichen biographischen Arbeit begriffen werden. Sie findet in institutionalisierten Bildungsprozessen oder in individuell gestalteten Beratungs- und Begleitungssituationen statt, in denen ein erhöhter Reflexionsbedarf besteht. Eine professionelle Begleitung der biographischen Alltagsarbeit kann zum Beispiel dann sinnvoll sein, wenn eine biographische (Neu-)Orientierung erforderlich ist oder wenn die individuellen und sozialen Ressourcen aktuell nicht ausreichen, um einen biographischen Übergang zu bewältigen. Die methodisch-reflektierte Unterstützung der biographischen Arbeit von Lernenden und Ratsuchenden in einem professionellen Rahmen bezeichnen wir als pädagogische Biographiearbeit.
Unserem Verständnis nach steht dieser Begriff nicht für eine bestimmte Arbeitsmethode, die angeeignet und in einem "technischen" Sinn angewandt werden kann, sondern für eine grundlegende Orientierung pädagogischer Arbeit. Diese ist dadurch gekennzeichnet, dass professionelle pädagogische Praxis die biographische Dimension von Lern- und Bildungsprozessen anerkennt und reflexiv einbezieht. Es geht in erster Linie um die Entwicklung einer professionellen Haltung, die mit einem theoretisch fundierten Reflexionsrahmen und mit bestimmten Methoden verbunden ist. Um dies zu verdeutlichen, sprechen wir auch von biographieorientierter pädagogischer Arbeit.
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